HAYES CARLL

Juli 2025 Rezension

Hayes Carll - We’re Only Human

Kann man 2025 noch an den Fortschritt der Menschheit glauben, wenn gefühlt alles immer schlechter wird? Hayes Carll, der Texaner mit dem melankomischen Blick aufs Leben, behandelt das Thema mit seinem charakteristischen Humor und Spott: Progress of Man (Bitcoin & Cattle) entlarvt Gier als Antrieb für unseren Wunsch nach immer mehr, immer weiter, etc. Und weckt mit Zeilen wie „The world’s gettin’ turned on by assholes and racists“ Assoziationen zur aktuellen US-Administration, auch wenn der Song wohl schon vor Trumps Amtsantritt geschrieben wurde - Rassisten und Arschlöcher gibt es ja auch abseits davon noch viel zu viele. Konterkariert wird der (vermeintliche) Fortschritt mit einem ¾-Takt und einer Fiddle, die das Lied eher nach 1955 als nach 2025 klingen lassen.

Thematisch ist Progress of Man (Bitcoin & Cattle) eher ein Ausreißer auf Carlls zehntem Album, das sonst einen eher introspektiven Grundton verfolgt: Es sei als eine Art Selbsttherapie entstanden, so der Künstler, der durch Ablenkungen, Ängste und Unsicherheiten seinen Blick aufs Wesentliche verloren glaubte. So feiert das mit MC Taylor aka Hiss Golden Messenger geschriebene Stay Here Awhile das bewusste Erleben des gegenwärtigen Moments – ein Gefühl, das Carll auch mit dem gemächlichen High besingt, das keine Kifferhymne ist, sondern ein natürliches High angesichts überstandener Krisen und Ängste beschreibt. Überhaupt hat man den Eindruck, dass hier einer singt, der bei sich selbst angekommen und mit sich (endlich) im Reinen ist, wie das mit den Brothers Osborne geschriebene What I Will Be nahelegt. Zur erfolgreichen Selbsttherapie gehört es natürlich auch, sich mit seinen Fehlern und Fehlverhalten auseinanderzusetzen, die in I Got Away With It und Making Amends behandelt werden. Schade, dass das gospelnde Abschlusslied May I Never etwas zu kitschig geraten ist. Darüber kann auch die illustre Gästeschar am Mikrofon nicht ganz hinwegtrösten, die aus Ray Wylie Hubbard, Shovels & Rope, Darrell Scott, Nicole Atkins sowie Gordy Quist und Ed Jurdi von der Band of Heathens besteht.

Insgesamt hat man Hayes Carll vielleicht schon mit etwas zündenderen und pfiffigeren Songs erlebt, was hauptsächlich an der persönlichen Thematik liegt. Nichtsdestotrotz ist We’re Only Human ein grundsolides bis gutes Album, das als rezeptfreies Antidepressivum in Zeiten, in denen gefühlt alles immer schlechter wird, ganz gut funktioniert.

(Hwy 87 Records - Thirty Tigers)

Words: Ullrich Maurer

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